Das
Daoyin ist eine körperlich-geistige chinesische Technik mit
uralten Wurzeln, die ursprünglich sowohl der Pflege der Gesundheit als
auch der Reinigung von Körper und Geist diente. Die Asketen der Vergangenheit
glaubten in der Tat, mit seiner Hilfe die ewige Jugend zu erlangen.
Die erste entsprechende historische Anmerkung diesbezüglich findet sich
im Zhuangzi, taoistischer Text des 4.-2. Jahrhundert v. Ch.

Sie
atmen auf besondere Weise
ein und aus, um die verbrauchte Luft loszuwerden und frische aufzunehmen. Sie
rollen sich ein wie ein Bär und strecken sich wie ein Vogel. Sie tun all'
dies, um ein langes Leben zu erreichen. Dies sind die Weisen des Daoyin, Menschen,
die das Leben nähren und die die Suche nach Langlebigkeit sehr hoch schätzen,
so wie der unsterbliche Peng.
(Zhuangzi,
Keyi)
Zahlreich
waren im Laufe der Jahrhunderte die Interpretationen des Begriffes "daoyin",
die glaubwürdigsten sind die folgenden:
daoqi
yinti - das qi
leiten und den Körper strecken
daoqi
yinliao - das
qi leiten, um eine Heilung zu bewirken
Beide zeigen wichtige Aspekte der Übung auf, ohne in gegenseitigem Widerspruch
zu stehen. Erstere beschreibt kurz die Technik, während die zweite sich
auf eine der
Zielsetzungen der
Übung bezieht. Es ist
in der Tat so, dass man mit dem Daoyin das qi leitet und den Körper
bewegt mit dem Ziel, eine wohltuende Wirkung für die Gesundheit zu erreichen.
China rühmt sich einer uralten und tiefen Tradition in der Pflege von Körper und Geist. Es ist historisch dokumentiert, daß bereits in der feudalen Epoche (700-221 v.Chr.) großer Wert auf die sogenannten "Methoden zur Nährung des Lebens" (yangsheng zhi dao) gelegt wurde, Methoden mit dem Ziel, eine langlebige gesunde Existenz des Menschen mit Hilfe von diätetischen und pharmakologischen Rezepten, gymnastischen Übungen und durch Kultivierung des Geistes (durch Studium, Poesie, Meditation ) zu erreichen.
Zahlreiche
illustre Denker der Epoche konfrontierten sich in flammenden Debatten über
diese Themen, die eigenen "Rezepte" unterstützend und die der
Kollegen diskutierend. Unter den verschiedenen Methoden das "Leben zu nähren"
wurde die körperliche Übung fast allgemeingültig als unerläßlich
und von grosser Wirksamkeit erkannt. Unter "körperlicher Übung"
muß man hier aber etwas wesentlich tieferes und komplexeres verstehen,
als uns heute dieser Begriff suggeriert. Es handelte sich in der Tat um Übungen,
die sowohl Körper als auch Geist in einen Prozeß tiefer und möglichst
unbegrenzter Selbstreinigung einbeziehen. Die Asketen dieser Epoche praktizierten
diese Techniken in der Überzeugung, damit die Unsterblichkeit zu erlangen.
Das
Konzept des "Qi" (ch'i in der englischen phonetischen Transkription)
hat keine Entsprechung in unserer heutigen Kultur. In den ältesten chinesischen
Quellen kann man es als das grundlegende Lebenselement und als Einheit der
gesamten Schöpfung verstehen. Es wird oft übersetzt als "Energie",
"Lebensenergie" oder "Atem", "Lebensatem".
Gemäss antiker biophysischer chinesischer Konzeption durchdringt und
belebt das Qi sämtliche Kreaturen. Das gesamte Universum ist lebendig,
vom Himmel bis zur Erde, welche die Eltern allen Seins sind. Das menschliche
Wesen, gleichsam wie alle Kreaturen, lebt zwischen Himmel und Erde und ist
deren offensichtliche Frucht. Sein Kopf ist in der Tat rund wie das Himmelsgewölbe,
seine Füße sind eben wie die Oberfläche der Erde. Der Kopf
ragt zum Himmel auf, die Füsse unterstützen ihn in festem Kontakt
mit der Erde. Von allen Lebewesen wird der Mensch als das perfekteste angesehen,
weil in ihm die Symbole von Himmel und Erde sind, die Naturen von Himmel und
Erde sich in ihm verbinden.
Der Mensch lebt dank seines inneren Qi (yuanqi - ursprüngliche Lebensenergie), welches er von seinen Eltern mit der Geburt erhält und welches er mit dem Tod verliert. Zhuangzi, taoistischer Philosoph des 4. Jahrhunderts vor Christus, beschreibt diese Idee folgendermassen:
Der Mensch wird aus einer Verdichtung von qi geboren, es ist dieses qi welches, indem es sich kondensiert, das Leben schöpft und ist das gleiche Qi nimmt ihn in seinem auflösen mit sich in den Tod.
Das qi ernährt, gibt Leben und Funktion für alle menschlichen Fähigkeiten aber gleichzeitig wird es auch durch diese beeinflusst. So absorbiert man mittels der Atmung das reine Qi der Luft (qingqi) und scheidet das trübe [verbrauchte] qi des Körper (zhuoqi) aus. Mit der Nahrung nimmt man das nährende qi der verschiedenen natürlichen Elemente auf.
Außer diesen von außen kommenden "Nährstoffen" kann der Mensch dazu beitragen, sein inneres qi gesund zu halten durch angemessene körperliche Aktivität, die es ihm erlaubt, Blockaden und Stillstände des Qi zu vermeiden. In der Tat steht das Qi im Körper nicht still, sondern zirkuliert unaufhaltsam so wie Blut und Lymphe. Eine Blockade, ein Stillstand, ein übermäßiger oder unregulierter Fluss des qi stellt eine mehr oder weiniger schlimme pathologische Situation dar. Die hauptsächlichen Bedeutungen, die der Begriff qi im spezifischen Umfeld der gymnastischen Techniken zur Nährung des qi umfasst, lassen sich wie folgt synthetisieren:
-
Luft
- Lebensenergie des Individuums
- Vitale Energie des Universums
Diese
Bedeutungen sind nicht immer eindeutig unterschieden und oftmals sind sie
gleichzeitig präsent.
Das
Wort "gong" bedeutet "Fähigkeit, Arbeit";
"Qigong" (ch'i-kung oder chi-kung entsprechend der englischen
Lautschrift) bezeichnet demzufolge sowohl die Arbeit mit dem Qi als
auch die aus dieser Arbeit resultierenden Fähigkeiten.
Die Chinesen schreiben dem Qi und seinem besonderen Gebrauch auch aussergewöhnliche
Phänomene zu, die von der Pranotherapie über eine Unverletzlichkeit
des Körpers gegenüber Schwert und Messerklingen, Nägeln, Glas,
Feuer und elektrischem Strom, zur Fähigkeit Steine zu zerbrechen und
Eisenstangen zu verbiegen, reicht. Alle diese Fähigkeiten und viele andere
mehr werden von den Chinesen als "Fähigkeiten des Qi"
folglich "Qigong" angesehen.
Die ältesten Spuren des Begriffes Qigong finden sich in taoistischen
Texten der Tang-Epoche (618-905) wie zum Beispiel der Taiqing tiaoqi jing
(Klassiker über die Regulation des Qi der Höchsten Reinheit)
und bezeichnen Techniken zur Atmung, Visualisierung und Meditation ausgeführt,
um das eigene Selbst zu reinigen, in der Absicht Unsterblichkeit zu erlangen.
Im
Bereich der Kampfkünste wird das Qigong - oder besser Neigong
(wörtlich: innere Arbeit) - mit dem Ziel der Kräftigung der Lebensenergie
oder mehr allgemein des Körpers und des Geistes genutzt. Alle traditionellen
Schulen der chinesischen Kampfkünste (Wushu) besitzen spezielle
Neigong-Übungen. Einige von ihnen, die sogenannten "inneren
Schulen" (neijia) haben diese Übungen mit den Kampftechniken
verschmolzen und so eine einheitliche Technik geschaffen. Die berühmtesten
inneren Schulen sind das Taijiquan, das Baguazhang und das Xinyiquan.
Bezugnehmend auf die Techniken für die Gesundheit scheint der Gebrauch
des Begriffes "Qigong" nicht früher als 1910 erstmals
aufzutauchen und erst seit Ende der 50er Jahre wird er auf breiter Ebene verwendet.
Heute ist er, vor
allem ausserhalb Chinas
weiter verbreitet als der korrektere Begriff Daoyin.
Die Übungen des Daoyin wirken auf 3 unterschiedlichen aber dennoch fest miteinander verbundenen Niveaus:
1.
körperliche Ebene (yundong daoyin)
den Körper in die gewünschten Positionen und Bewegungen führen
2. respiratorische Ebene (huxi daoyin)
die Atmung im gewünschten Modus und Rhythmus führen und kontrollieren
3. mentale Ebene (yinian daoyin)
Aufmerksamkeit und Gedanken kontrollieren und führen den Körper
in die gewünschten Positionen und Bewegungen, die Atmung im gewünschten
Modus und Rhythmus und gleichzeitig fokalisiert sich die Konzentration auf
bestimmte Punkte, alle diese Aufgaben in einer einzigen ganzheitlichen und
kompletten Aktion verbindend.
Der Ursprung dieser dreifachen Aktion findet sich im sogenannten Prinzip der 3 Regulationen (santiao) - Kardinalsprinzip jeder traditionellen Übung des Daoyin. Die 3 Regulationen sind:
-
tiaoshen den Körper regulieren
- tiaoxi die Atmung regulieren
- tiaoxin den Geist regulieren
Wie bereits erwähnt, gelten Körper und Geist in der klassischen physiologischen chinesischen Konzeption als eins. Es ist unmöglich, den Körper getrennt vom Geist aufzufassen. Der Geist lebt dank des Körpers und umgekehrt, ein jeder abhängig vom anderen. Den eigenen Körper in angemessenem Mass zu regieren und zu kultivieren erfordert die Beteiligung des Geistes, andererseits ist es nicht möglich, den Geist zu beherrschen und höchste Konzentration zu erlangen, ohne Körper und Atmung korrekt zu gebrauchen. Die Atmung ihrerseits kann nicht ohne die Hilfe einer korrekten Position und einer angemessenen geistigen Konzentration kontrolliert werden. Sämtliche in die Tiefe gehenden östlichen Körperdisziplinen erkennen sich in diesen Prinzipien wieder.
Das
Daoyin yangshenggong ist Resultat einer langen und tiefgründigen
Forschung durch Professor Zhang
Guangde der Universität für Sportwissenschaften in Peking über
die antiken Techniken des Daoyin.
Die weichen,
fliessenden und harmonischen Bewegungen wurden geschaffen, um den Fluss der
Lebensenergie im ganzen Körper zu erleichtern, um Gelenke zu lockern, Muskeln
zu tonisieren und mit Sauerstoff anzureichern sowie das Nervensystem zu entspannen.
Zahlreiche in China durchgeführte klinische Studien und Überprüfungen
durch Spezialisten und Wissenschaftler der medizinischen Welt - auch des Westens
- haben die Wirksamkeit des Daoyin zur Stärkung der
Gesundheit sowie Prävention und Behandlung vieler akuter und chronischer
Krankheiten gezeigt, ohne das sich irgendeine Nebenwirkung nachweisen liess.
Aber es ist nicht nur die "Gesundheit" im wörtlichen Sinne, auf
die sich seine Wirksamkeit bezieht. Dank einer tiefen und minuziösen Kontrolle
der Konzentration, der Atmung und der Bewegungen des Körpers ist das Daoyin
des Professor Zhang Guangde eine wahrhaft besondere Methode inneren Wachstums.
Dadurch ergibt sich ein tiefer Kontakt von Geist und Körper, der es uns
ermöglicht, jene innere Harmonie wiederzuerlangen, die heutzutage so oft
in der Schnelligkeit des alltäglichen Lebens zerstört wird.

Zhang
Guangde wurde im März 1932 in der Stadt Tangshan, Provinz Hebei, geboren.
In dieser Stadt ist 1955 die erste rein dem Qigong gewidmete Klinik gegründet
worden. Aufgewachsen in einer Familie berühmter Ärzte der traditionellen
Medizin, war Zhang Guangde 1955 unter den ersten Eingeschriebenen im neugegründeten
Kurs für Wushu (Kampfkunst) am Pekinger Sportinstitut. 1959 diplomierte
er sich mit Höchstpunktzahl und wurde sogleich als Lehrer des gleichen
Institutes eingestellt und 1963 war er unter den ersten Absolventen des Spezialisierungskurses
zur Forschung über das Wushu.
In der 70er Jahren widmete er sich mit Fleiß dem Studium der Techniken
des Daoyin bis er schliesslich
das System des Daoyin Yangshenggong
begründetete, welches heute von mehr als vier Millionen Menschen in allen
fünf Kontinenten praktiziert wird.
Die fünf Naturen und die drei Herzen
Das System Daoyin Yangshenggong begründet sich auf den fünf Naturen (wuxing) und den drei Herzen (sanxin).
Die fünf Naturen sind:
1.
Tradition (chuantongxing)
2. Wissenschaftlichkeit (kexuexing)
3. Wirksamkeit (shixiaoxing)
4. Ästhetischer Ausdruck (yishuxing)
5. die Möglichkeit einer weiten Verbreitung (guangfan shiyingxing)
Die drei Herzen sind:
1.
Reinheit (zhenxin)
2. Enthusiasmus (rexin)
3. Geduld (naixin)
Die
"fünf Naturen" beziehen sich auf die besonderen Bestandteile
der Übung. Der erste hiervon ist "Tradition". Das Daoyin
yangshenggong ist in der Tat keine neu kreierte Technik, sondern wurzelt
in der ältesten antiken Tradition Chinas. Die Bewegungen, die Positionen,
die Theorien, die Visualisierungen, die Konzentration, die Atmung als seine
Bestandteile stammen aus den Übungen des traditionellen Daoyin.
Der Begriff "Wissenschaftlichkeit" bekräftigt, dass Zhang Guangde
sich in der Zusammenstellung der einzelnen Formen nicht damit begnügt hat,
passiv die antike Tradition zu übertragen, sondern dass er sich stattdessen
bemüht hat, ihre wissenschaftlichen Prinzipien zu erforschen und zu überprüfen.
Unter "Wirksamkeit" versteht man, daß sich der Begründer
bei der Formulierung der Übungen auf objektive und in ihrer Wirksamkeit
überprüfte Prinzipien basiert, die auch im Licht der modernen wissenschaftlichen
Kenntnisse bestehen bleiben.
Unter "Ästhetischem Ausdruck" versteht sich, dass die Formen
sich nicht in einem rein praktischen Ziel erschöpfen, sondern daß
sie ein ästhetisches und künstlerisches Modell eines körperlichen
und geistigen Ausdruckes sein wollen.
Unter "Möglichkeit einer weiten Verbreitung" versteht man, dass
sich der Begründer der Übungen bemüht hat, einen möglichen
Kompromiß zwischen technischen und pädagogischen Notwendigkeiten
sowie der notwendigen Weiterverbreitung zu erreichen, indem er Übungen
schuf, die nicht langweilig, sich ständig wiederholend und komplex sondern
im Gegenteil relativ einfach, abwechslungsreich, elegant, angenehm und von angemessener
Länge und Intensität sind.
Die
"drei Herzen" beziehen sich auf die geistige Einstellung des Übenden
des Daoyin.
Unter "Reinheit" versteht man, dass der Übende sich dieser Disziplin
und ihrer Praxis reinen Herzens und unvoreingenommen nähern sollte. Er
sollte sich von Bedingungen, Sorgen, Verdacht und Mißtrauen befreien.
Dies ist die beste Einstellung um zu lernen. Ein reines Herz und ein ehrlicher
Geist erlauben ein besseres Zusammenleben mit sich selbst und den anderen und
geben die Möglichkeit, das Gelernte schnell in sich aufzunehmen.
"Enthusiasmus" bedeutet Begeisterung für das Studium, das Üben
und das Lernen. Die Begeisterung stellt einer ausserordentlichen Motor für
das Lernen dar und bereichert uns und unser Leben, indem Sie es aktiv und dynamisch
macht und uns ausserdem hilft, schwierige Momente zu überstehen.
"Geduld" ist ein unersetzliches Requisit im Erlernen einer jeden Disziplin
und um so mehr in einer so anspruchsvollen Kunst wie dem Daoyin. "Geduld"
bedeutet Geduld gegenüber sich selbst und den anderen. Die ihm eigenen
Charakteristiken des Daoyin "zwingen" dazu, Geduld zu kultivieren,
eine wirklich notwendige Tugend und so sehr vernachlässigt in unserer heutigen
Gesellschaft.
Das
System des Daoyin yangshenggong enthält
statische und dynamische Übungen, im Stehen und im Sitzen auszuführen,
symmetrisch und mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden, die man auch mit
eigens dafür vorgesehenen Musikstücken, die die Konzentration und
die Entspannung erleichtern, üben kann. Alle Übungsformen sind auf
spezifische Ziele gerichtet und besitzen besondere Charakteristiken, jede von
ihnen ist aber gleichzeitig in sich vollständig und ausreichend für
ein persönliches Training.